Logokürzel Alte Feuerwache Mannheim

Die Kunst, Armenien zu erzählen. Katerina Poladjan liest aus „Hier sind Löwen“

MARCHIVUM

28. Februar 2020
Freitag

Einlass 19:00
Beginn 20:00

Ticket
VVK 10 € zzgl. Gebühren / AK 13 €


lesen.hören 14

Wie erzählt man von einem Genozid? Indem man ihn nicht erzählt. „Hier sind Löwen“ heißt der Roman, den Katerina Poladjan geschrieben hat. „Hic sunt leones“ – damit bezeichnete man früher die weißen Flecken auf Landkarten. Also das unbekannte Gelände, die Orte, wo Gefahr droht und Ungeheuer lauern. Zum Beispiel der Ort, zu dem man hindenkt, wenn es um Völkermord geht. Es grenzt angesichts dessen an ein Wunder – und bedeutet einfach besondere Erzählkunst und lange Jahre des Schreibens – dass Katerina Poladjan ein so zarter, leichter und zugleich vielschichtiger Roman gelungen ist. Eine junge Frau steht im Mittelpunkt: Helen ist Buchrestauratorin und reist nach Jerewan, um die Kunst der armenischen Buchrestauration zu lernen. Während sie dort an einem alten Heilevangeliar arbeitet, machen sich zwei im Buch verborgene Figuren selbstständig: Anahid und Hrant. Sie fordern ihre Geschichte ein. Außerdem verliebt sich Helen. Aber nicht einfach so, sondern auf ihre eigenartige Weise, die dem ganzen Buch seinen, ja: Zauber verleiht. Denn Zauber hat es, und ist ja auch kein Buch „über“ den Völkermord an den Armeniern, sondern eher eines, das sich auf die Suche nach Möglichkeiten macht, von ihm zu erzählen. Eine Suche danach, wie es gehen könnte, im Angesicht solcher Verbrechen trotzdem zu leben. Katerina Poladjans Kunst ist es, durchs Nichterzählen zu erzählen. Vielleicht so, wie Godard es in der Filmkunst gemacht hat. Was keine andere Kunstform, keine andere Sprache kann, was einzig und allein die literarische Kunst und Sprache vermag, das kann man von Katerina Poladjan lernen: „Wohin gehen wir, Anahid? Sie schwieg und dachte nach, und endlich hatte Anahid die Antwort für ihn. Sie sagte einfach, es wird gut werden, irgendwann wird es wieder gut werden, und er fragte, wo ist dieses irgendwann, und sie sagte, es ist hier und wir nehmen es mit.“ Durch den Abend führt Insa Wilke.


Katerina Poladjan © Andreas Labes


Insa Wilke © Jürgen Bauer